v. li. n. r.: Prof. Dr. Stefan Spinler , Ralf Hellrich, Lars Hennemann, Daniela Schmitt, Wolfgang Küster und Walter Müller
HwK Koblenz
Im Forum des Zentrums für Ernährung und Gesundheit der Handwerkskammer Koblenz tauschten sich im Rahmen der "Koblenzer Gespräche" aus (von links nach rechts): Prof. Dr. Stefan Spinler , Ralf Hellrich, Lars Hennemann, Daniela Schmitt, Wolfgang Küster und Walter Müller.

06.05.2022 - Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutierenPremiere der "Koblenzer Gespräche"

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hinterlässt auch in unserer Wirtschaft seine Spuren: Inflation, steigende Energiepreise, Störungen weltweiter Lieferketten und Verknappung wichtiger Materialien. Zusätzlich belasten immer noch die Auswirkungen der Corona-Pandemie den Mittelstand. „Wie kann die Wirtschaft durch diese Krise kommen?“ lautete daher die Schlüsselfrage der ersten „Koblenzer Gespräche“, zu denen die Handwerkskammer (HwK) und die Industrie- und Handelskammer (IHK) Koblenz in Zusammenarbeit mit der Rhein-Zeitung eingeladen hatten.

Im voll besetzten Forum des Zentrums für Ernährung und Gesundheit der Handwerkskammer begrüßte Lars Hennemann, Chefredakteur der Rhein-Zeitung, die Gäste und stellte die Teilnehmer der Podiumsrunde vor: Daniela Schmitt, rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin, Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, Wolfgang Küster, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer, Prof. Dr. Stefan Spinler vom Lehrstuhl für Logistikmanagement der WHU – Otto Beisheim School of Management sowie Walter Müller, Vorstandsmitglied der Volksbank RheinAhrEifel.

„Die Themen der Zeit lassen einen schwermütig werden“, läutete Moderator Hennemann die Diskussion ein, „doch Schwermut ist keine unternehmerische Tugend, die den Mittelstand und die Industrie weiterbringt. Es muss jetzt um Lösungen gehen“. Wirtschaftsministerin Schmitt bestätigte: „Es könnte keinen herausfordernderen Zeitpunkt geben, mit der Wirtschaft zu sprechen“. Industrie und produzierendes Gewerbe in Rheinland-Pfalz sind rohstoffintensiv und daher von den Auswirkungen stark betroffen. Rheinland-Pfalz ist außerdem ein Flächenland, Transportwege und Lieferketten sind wichtig. „Wir stehen vor großen Herausforderungen“, so Daniela Schmitt, „ich bin in engem Kontakt mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, um die härtesten Situationen abzufedern und Unternehmenshilfen bereitzustellen“. Laut HwK-Chef Hellrich hat sich die Bauwirtschaft nach der Pandemie ganz gut erholt, doch seit dem Krieg sei man in einer völlig anderen Situation. IHK-Vizepräsident Küster berichtete ähnliches: „Wir sind nah an den Unternehmen dran, die auch während Corona nicht den Mut verloren haben. Doch jetzt haben wir es mit extremen Effekten zu tun, die von niemandem beeinflusst werden können.“

In eingespielten Video-Beträgen informierten Unternehmen – sowie der Präsident der Handwerkskammer, Kurt Krautscheid – über die aktuelle Situation. Krautscheid ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender des genossenschaftlich organisierten Dachdeckereinkaufs DEG und berichtete über massiv und weiter steigende Baustoffpreise. Dort befürchtet man, dass mancher Bauherr sein geplantes Vorhaben verschieben oder ganz aufgeben muss.

Prof. Dr. Spinler von der WHU betonte den Beitrag der Wissenschaft: „Wir versuchen, in Szenarien zu denken und für Unternehmen abzuschätzen, was passieren wird, wenn der Strompreis steigt, das Material nicht an die Baustellen gelangt oder ähnliches. Damit können sie besser vorbereitet sein.“ Die Themen Resilienz und flexibles Reagieren seien in dem Zusammenhang wesentliche Faktoren.

Auch die Banken müssten Flexibilität beweisen, erklärte Volksbank-Vorstandsmitglied Müller: „Die Lieferkettenproblematik ist in dieser Struktur tatsächlich noch nie dagewesen. Das Gute ist, dass wir als Bank nah an unseren Unternehmenskunden sind, ihre Probleme kennen und darauf eingehen können.“ Der Mittelstand habe in der Vergangenheit erfolgreich gearbeitet und sei entsprechend gut aufgestellt. „Krisen könnten so überstanden werden, doch die Preissteigerungen, die bis zu 25 Prozent betragen können, bringen große Schwierigkeiten.“

Im Handwerk seien viele Verträge geschlossen worden, für die die Preissteigerungen nicht weitergegeben werden könnten, vor allem im öffentlichen Auftragswesen. „Wir können nur raten, die Vertragsgestaltung von den Herstellerpreisen abhängig zu machen und Preisklauseln zu vereinbaren, die Kostensteigerungen beinhalten“, weiß Ralf Hellrich aus der täglichen Praxis, „und wir als Kammer leisten dazu eine Rechts- und Betriebsberatung.“ Ein Teil der Lösung liege auch bei den Kunden selbst, die Verständnis für die Situation aufbringen sollten. Tatsächlich verstünden Kunden mittlerweile, dass sie in einem Boot mit den Unternehmen sitzen.

Das Vertrauensverhältnis zu den Kunden wurde von den Teilnehmern als wichtiger Aspekt beschrieben. „Unternehmen müssen offenlegen, was gerade passiert“, so der IHK-Vertreter Küster. Dass die Bereitschaft zur Lernfähigkeit für solche Prozesse vorhanden ist, habe die Pandemie gezeigt. Der Mittelstand sei – genau wie die Banken – nicht auf kurzfristige Geschäfte ausgerichtet, sondern auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit in allen Phasen, ergänzte Walter Müller.

Wirtschaftsministerin Schmitt verwies auf die Produktions- und Wertschöpfungsketten in Rheinland-Pfalz, die aufgrund ihrer Mannigfaltigkeit in Breite, Tiefe und Internationalität in der Vergangenheit dem Land großen Erfolg gebracht hätten. Die jetzige Situation führe zu einer Bewusstseinsschärfung für Regionalität, regionale Rohstoffe und kurze Transportwege, auch im Sinne der Klimaschutzaspekte. „Doch es sollte nicht zu Aktionismus und Gegenhandlungen kommen. Wir dürfen die internationalen Wertschöpfungsketten nicht kaputt machen.“

Die Teilnehmer waren sich einig, dass sich Unternehmen zwar wappnen können, dazulernen, sich resilienter aufstellen, genossenschaftlich engagieren und Verständnis ihrer Kunden erhalten. Dennoch käme der Punkt, wo nichts mehr geht. „Wie kann die Bundesregierung dies abfedern?“ lautete die Frage. Daniela Schmitt verspricht, dass Land und Bund alles unternehmen werden zur Unterstützung der Wirtschaft mit Hilfspaketen wie Kredit- und Bürgschaftsprogramme oder Energiekostenzuschüssen. Dies erfolge in Zusammenarbeit mit den Hausbanken, der Investitions- und Strukturbank (ISB) und der Beratung der Kammern. Doch sie wollte auch ehrlich sein: „Wir werden nicht alle wirtschaftlichen Folgen kompensieren können, aber wir werden Härten abfedern. Dabei müssen wir auch aufgeschlossen sein für die Zeit nach dem Krieg.“ Zusätzlich soll ein Bürokratieabbau die Unternehmen unterstützen. Verschlankung und Beschleunigung der Prozesse sollen dafür sorgen, dass die Hilfen schnell ankommen werden. Bei der ISB werde derzeit eine Herkulesaufgabe geleistet.

Eines der größten Probleme im Mittelstand ist die Energiepreissteigerung. RZ-Chefredakteur und Moderator Hennemann: „Hier lautet ein Vorwurf, dass wir uns sehenden Auges in eine Abhängigkeit begeben haben“. Die Ministerin gab zu, dass sich alle den Vorwurf der Naivität machen müssten. Eine kritische Aufarbeitung stünde an, um nicht wieder in vergleichbare Situationen zu geraten. Es sei aber nicht hilfreich, auf die Vergangenheit zu schauen. Die rheinland-pfälzische Industrie sei abhängig vom Gas. Manches sei bereits umgestellt worden, doch bei anderen Unternehmen gehe das nicht so schnell, zum Beispiel bei einem Werk mit komplexen Anlagen wie der BASF. „Die Bundesregierung arbeitet daran, Dinge umzustellen, um uns mittel- bis langfristig unabhängiger zu machen, beispielsweise mit dem Ausbau von LNG-Terminals oder der Wasserstoff-Technologie für Nutzfahrzeuge.“ Derzeit seien die Erdgasspeicher mit 35 bis 36 Prozent gefüllt, diese Zahl werde während der warmen Monate noch steigen. „Die Bundesregierung setzt alles daran, die Versorgung auf breitere und diversere Füße zu stellen.“

Doch wie lange halten Betriebe ohne Erdgas durch? Ralf Hellrich beschrieb je nach Branche Szenarien von sechs Wochen bis zu drei Monaten. Die Bundesnetzagentur werde im Energiebereich systemrelevante Betriebe bestimmen. Wolfgang Küster warnte vor allzu schnellen und unbedachten Sanktionen, denn „wir können nicht uns selbst sanktionieren. Unternehmen lassen sich nicht so schnell wieder aufbauen.“ Daher sollten in Absprachen mit den anderen europäischen Ländern Sanktionen besonnen angegangen werden. Auch eine Aufklärung müsse stattfinden. So sei das Herunterdrehen der privaten Heizungen nicht die Lösung des Problems.

Zum Abschluss dankte die Ministerin allen Teilnehmern für die wertvollen Beiträge und auch den vielen Unternehmen, die Unterstützung im Ahrtal geleistet haben. „Die Themen Pandemie, Krieg, Flut und Transformation sind große Herausforderungen, die im sachlichen und lösungsorientierten Dialog angegangen werden müssen.“ Die Gestaltung der Zukunft erfordere Motivation und ein gutes Miteinander. „Unser gefühltes Abonnement auf Wohlstand und Wachstum ist aufgekündigt. Doch das soll uns nicht demotivieren. Unsere Eltern und Großeltern haben aus wenig so viel aufgebaut. Wir sind stolz auf unsere Erfolgsgeschichte der Familienunternehmen. Wir haben Tatendrang, eine exzellent ausgebildete junge Generation und einen wunderbaren Standort Rheinland-Pfalz.“

Die „Koblenzer Gespräche“ werden fortgesetzt und greifen dabei aktuelle Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf.

Ein Live-Mitschnitt der jüngsten Veranstaltung geht am 12. Mai online auf der Internetseite der Handwerkskammer Koblenz, www.hwk-koblenz.de

 

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Jörg Diester

Jörg Diester
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