Handwerk muss Spagat meistern
Dr. Dr. Reinhard Kallenbach

Handwerk muss Spagat meistern

Arbeitnehmervertreter der HwK-Vollversammlung tagten: Bekenntnis zu kompromissloser Qualität.

Turbulenzen in der Weltwirtschaft, Transformation in allen Bereichen, Terrorakte und ein neuartiges Virus: Der Februar 2020 war ganz offensichtlich kein guter Monat für Optimisten. Bei all dem wird gern übersehen, dass das Handwerk auch in einem immer raueren Umfeld ein Hort der Stabilität ist. Dennoch besteht kein Anlass, sich zufrieden zurückzulehnen. Das wurde jetzt bei einer Tagung von Arbeitnehmervertretern in Höhr-Grenzhausen deutlich.

„Da brechen ganze Branchen weg“, betonte Joachim Noll mit Blick auf den Nachwuchsmangel und fehlendes Interesse an einer Betriebsübernahme in vielen Bereichen des Handwerks. Der für die Arbeitnehmer zuständige Vizepräsident der Handwerkskammer (HwK) Koblenz, der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sowie das Bildungswerk Arbeit und Leben hatten die Vertreter der Beschäftigten in der HwK nach Höhr-Grenzhausen eingeladen, um gute Ideen im Kampf für bessere Rahmenbedingungen zu entwickeln.

Natürlich ging es dabei auch ums Geld, unter anderem um den verstärkten Einstieg von Betrieben in Flächen- oder Haustarifverträge, um Anreize für den potenziellen Nachwuchs zu schaffen. Doch zeigte sich in der Runde sehr schnell, dass es mit Geld allein nicht getan ist. Und genau deshalb sprach Joachim Noll auch die überfällige Überarbeitung von Ausbildungsordnungen an, wobei er vor allem die Metall- und Elektrobranche hervorhob. Denn die Handwerker müssen gerade in dieser Branche den Veränderungen infolge der Digitalisierung gerecht werden. Mehr Elektronik, weniger Mechanik lautet die Devise, wobei die Veränderungen in der Kfz-Branche nur exemplarisch für einen ganzen Wirtschaftssektor sind.

Bei der Tagung im Rahmen des Bundesprojektes „Perspektive Selbstverwaltung“ (PerSe) ging es aber auch um „weiche“ Faktoren wie betriebliches Gesundheitsmanagement und eine unangenehme Wahrheit: Wer meint, ohne Ausbildung seinen Weg gehen zu können, wird stärker von Altersarmut betroffen sein als Fachkräfte! Joachim Noll beobachtet mit Sorge, dass Beschäftigte diese Tatsache gerne verdrängen, vor allem im Nahrungsmittelhandwerk. Dort arbeiten zum Beispiel Verkäuferinnen mit Blick auf kurzfristig bessere finanzielle Perspektiven, ohne eine Ausbildung anzustreben.

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Sebastian Hebeisen, Vorsitzender der DGB-Region Koblenz, hob deshalb hervor: Der Vorteil einer Ausbildung muss sich immer auch in einer Bezahlung nach Tarif widerspiegeln. Dass dabei vor allem kleinere Betriebe Probleme haben können, wissen auch eingefleische Gewerkschafter. Sie nehmen deshalb auch die Beschäftigten in die Pflicht, vor allem in Sachen Weiterbildung. Denn die Zeiten, in denen das in der Ausbildung Erlernte bis zur Rente ausreicht, sind ein für allemal vorbei. Dazu kommt, dass viele Handwerksunternehmen einen Spagat meistern müssen. Lässt sich eine attraktive Ausbildung noch über betriebsübergreifende Allianzen gestalten, wird es der Übernahme gerade für kleinere Wettbewerber immer schwieriger, gute Rahmenbedingungen zu gewährleisten.

Der Konkurrenzdruck ist groß, dazu kommt, dass gerade größere Unternehmen auf ein ausgeklügeltes Netz von Subunternehmern zurückgreifen können. Dieser Umstand eröffnet auch tarifgebundenen Wettbewerbern die Möglichkeit, die Tarife zu umgehen. Das ist und bleibt auch für den DGB ein heißes Thema, auch wenn öffentliche Auftraggeber immer öfter darauf achten, dass alle Teilnehmer an einem Projekt nach Tarif bezahlen. 

Joachim Noll erklärte aber auch, das so mancher Betrieb an den Fehlentwicklungen nicht schuldlos ist. Die Fehler wurden aber aus seiner Sicht schon vor vielen Jahren gemacht. Für ihn hat die schleichende Schwächung der Innungen durch den nachlassenden Organisationsgrad der Betriebe auch das Handwerk insgesamt geschwächt.  Denn dort, wo es Flächentarifverträge gab und gibt, waren und sind die Innungen auch Tarifpartner. In dieser Position können sie auch Tarif- und Qualifizierungsstandards definieren. Die „Flucht“ mancher Unternehmen aus den Tarifverträgen hat sich aus heutiger Sicht als Fehler erwiesen, auch weil sich der Nachwuchs neu orientierte und in die Industrie abwanderte.

Ein weiterer Fehler war auch Sicht der Arbeitnehmervertreter der Wegfall der Meisterpflicht in vielen Handwerken im Zuge der Novelle der Handwerksordnung von 2004. Dass jetzt in der Politik ein Umdenken eingesetzt hat, begrüßten die Teilnehmer der Tagung einstimmig. Alle waren sich einig: Nur wenn die Qualität stimmt, kann es gute Konditionen für alle Beteiligten geben.

 

26.02.2020



 

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Jörg Diester

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