Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt empfängt aus Händen der Schornsteinfeger-Innung ihren Glücksbringer 2026.
09.01.2026Handwerk fordert deutlich mehr Tempo und Entschlossenheit beim Kurswechsel der Wirtschaftspolitik
Auch wenn die Bilanz der deutschen Gesamtwirtwirtschaft zu Jahresbeginn 2026 eher durchwachsen ausfällt, machte Kurt Krautscheid als Präsident der Handwerkskammer (HwK) Koblenz zum Auftakt des Neujahrsempfanges vor 600 Gästen im Zentrum für Ernährung und Gesundheit Mut und zeichnete ein Bild, das von mehr Eigenverantwortung, Leistungsbereitschaft und Entschlossenheit bestimmt werde. Kritisch setzte er sich dabei mit der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung auseinander: „Von dem, was uns als großer Aufbruch nach der Bundestagswahl angekündigt wurde, ist beileibe nicht viel übriggeblieben!“ Zu langsam und unentschlossen, ohne ganzheitliches Konzept und hängengeblieben im „Klein-Klein“, fehlen die politischen Impulse für einen deutlichen Aufschwung. „Es kommt nicht von ungefähr, dass wir auf einem der hintersten Plätze im Vergleich der internationalen Wirtschaftsentwicklungen liegen.“
„Gesellschaftspolitisch müssen wir zu einer Kultur zurückfinden, in der sich mehr Eigenverantwortung, mehr Leistungsbereitschaft und Solidarität ergänzen“, forderte Krautscheid vor diesem Hintergrund auf. „In Deutschland gibt es momentan 502 Sozialleistungen, was ein Gefühl von falscher Sicherheit und Absicherung vermittelt. Im Grunde ist es das Eingeständnis, dem Einzelnen immer weniger zuzutrauen, ihm immer mehr Eigenverantwortung abzunehmen. Das kann in Bequemlichkeit und Passivität enden. Und genau da wollen wir nicht hin! Das können wir uns auch schlichtweg nicht leisten – weder finanziell, noch ethisch und in unserem Selbstverständnis als Handwerker!“ Krautscheid forderte eine deutliche Verlagerung der Verantwortung hin zu den Menschen wie auch zu den Betrieben.
Positive Nachrichten nannte Krautscheid mit Blick die jüngsten Entscheidungen des Europäischen Parlaments im Sinne des Handwerks. „Das Vorgehen der EU hat uns in der Vergangenheit schon viel Kraft und Nerven gekostet.“ Eine „bemerkenswerte Korrektur“ gab es zum Jahresende 2025, „so beim Kompromiss zur Vereinfachung der Entwaldungsverordnung oder auch Entscheidungen zur Entbürokratisierung beim Lieferkettengesetz und der Nachhaltigkeitsberichterstattung. In diese Prozesse hat sich das Handwerk eingebracht – auch die Handwerkskammer Koblenz! – und sie tragen am Ende auch unsere Handschrift. Darauf können wir stolz sein!“ Krautscheid stellte diese Prozesse als Teil einer Gesamtstrategie 2040 vor, „an der wir engagiert weiterarbeiten werden. Im Kern geht es um eine Vision, das Handwerk und den Mittelstand als tragende Säule der europäischen Wirtschaft zukunftsfest zu machen.“
Neben den Fähigkeiten, solche Entscheidungen politisch durchzusetzen, nannte Krautscheid das dabei vorgelegte Tempo als wichtigen Faktor für einen Kurswechsel der Wirtschaftspolitik. Hier sieht er bei der Bundesregierung deutliche Defizite. „Die Krise ist groß und vielfältig. Mikrokorrekturen bringen uns nicht weiter. Wir brauchen einen Befreiungsschlag! Das setzt eine politische Führung voraus, die strategisch denkt und bereit ist, auch gegen Widerstände Neues zu wagen. Insofern gilt: Mehr Mut und mehr Tempo!“
Auf Landesebene sei man gut aufgestellt und „schauen wir zurück auf die vergangenen Jahre und unsere Erfahrungen mit der Landesregierung, dürfen wir durchaus zufrieden sein und ich spreche an dieser Stelle gerne auch mal einen Dank aus!“ Hinsichtlich der anstehenden Landtagswahlen im März habe sich das RLP-Handwerk über ein Fünf-Punkte-Programm klar positioniert und der HwK-Präsident machte deutlich, dass es keine Empfehlungen geben werde, mit welchen Parteien man die darin genannten Inhalte umsetzen wolle. „Hier gilt das Neutralitätsgebot unserer Kammer. Eindeutig sind wir in unserer Festlegung: wirtschafts- und demokratiefeindliche Positionen werden keinerlei Unterstützung erfahren. Sie haben im Handwerk nichts verloren!“
Nach Krautscheid wandte sich die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt an die Gäste und hob die besondere Bedeutung des Handwerks für Wirtschaft und Gesellschaft hervor: „Das Handwerk ist ein zentraler Stabilitätsanker in Rheinland-Pfalz. Es sind die Betriebe vor Ort, die junge Menschen einstellen, ausbilden und damit an ihre Heimat binden – und es sind dieselben Betriebe, die am Sonntagabend im Winter kommen, wenn die Heizung ausfällt.“
Schmitt machte deutlich, dass Wettbewerbsfähigkeit nur mit bezahlbaren Rahmenbedingungen möglich ist: „Wenn die Belastungen für Arbeitgeber weiter steigen, wird es immer schwieriger, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen. Deshalb ist für mich klar: Die Belastung für Arbeitgeber muss runter. Gute Arbeit braucht Luft zum Atmen.“ Zugleich sprach sich die Ministerin für einen Kurswechsel im Umgang mit dem Mittelstand aus. „Unsere Handwerkerinnen und Handwerker tragen Verantwortung – für ihre Mitarbeiter, ihre Kundinnen und Kunden und ihre Regionen. Sie brauchen weniger Bürokratie und mehr Freiräume, damit sie sich auf das konzentrieren können, was sie am besten können: anpacken, ausbilden und unsere Regionen am Laufen halten.“
Im Rahmen ihrer Rede kam es zu einer Überraschung für HwK-Präsident Kurt Krautscheid. Daniela Schmitt zeichnete ihn mit der Wirtschaftsmedaille des Landes Rheinland-Pfalz aus und würdigte so Krautscheids jahrzehntelangen Einsatz zur Stärkung des Handwerks. (siehe separate Pressemitteilung)
Mit der Auszeichnung würdigt das Land Rheinland-Pfalz das außerordentliche und unermüdliche Engagement von Kurt Krautscheid. Seit Jahrzehnten setzt sich der heute 64-Jährige ehrenamtlich mit Leidenschaft und großer handwerkspolitischer Expertise für die Belange der handwerklichen Betriebe, für gute Ausbildungsbedingungen und eine starke Interessenvertretung des Handwerks ein – regional, landesweit und auf Bundesebene – „durchsetzungsstark, stets freundlich und mit Humor“.
Die Veranstaltung wurde musikalisch begleitet durch Pianist Martin Klein und Saxophonist Paul Andrew. Und auch eine jahrelange Tradition wurde durch die „Glücks-Innung“ um Obermeister Schornsteinfegermeister Florian Klein bei diesem Neujahrsempfang fortgesetzt: alle Gäste erhielten einen 24-karätig vergoldeten Talisman mit einer 2026er Prägung.